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Ausgabe 03/2008
Windenergie

Frachtschiffe unter Segeln

Schiffe sind Dreckschleudern. Für vier Prozent des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes sind sie verantwortlich – mehr als alle Flugzeuge der Welt verursachen. 280 Millionen Tonnen Kraftstoff fließen jedes Jahr in die Tanks der Frachtschiffe – ganz Deutschland verbraucht in einem Jahr nur halb so viel Öl. Das kommt teuer: In den letzten vier Jahren hat sich der Preis für Schiffdiesel mehr als verdoppelt. Kein Wunder, dass die Reedereien nach Wegen suchen, den Verbrauch zu drosseln. Dabei entdecken sie das Segel neu. Heute flattert es nicht mehr am Mast, sondern fliegt – ähnlich wie ein Gleitschirm – dem Schiff voraus.


Frachter mit Zugdrachen (Foto: SkySails)

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Zugdrache nennt das Hamburger Unternehmen SkySails diese Vorrichtung. Das System hat viele Vorteile: Weil der Zugdrache nur mit einem Zugseil am Schiff befestigt ist, kann er beliebige Positionen einnehmen, ohne das Schiff in Schräglage zu bringen. Außerdem nutzt er die stärkeren und beständigeren Winde in 100 bis 300 Meter Höhe. Und er wird dynamisch gesteuert: Sensoren messen Windgeschwindigkeit und Windrichtung am Zugdrachen und liefern diese Information an den Autopiloten. Der kombiniert sie mit seinen Daten über Kurs und Schiffsgeschwindigkeit und stellt den Drachen immer optimal in den Wind. Wichtig ist dabei die Eigengeschwindigkeit des Drachens, denn sie erhöht die Zugkraft des SkySail-Systems erheblich. Oft beschreibt der Drachen deshalb Achten vor dem Schiff und bringt bis zu 35 Tonnen Zugkraft auf das Zugseil. All das beschert dem Schiff  bis zu fünfmal mehr Vorschubkraft als ein normales Segel der gleichen Größe. Ein Zugdrache mit 600 Quadratmetern Fläche kann so die Segelfläche eines Viermasters von ca. 3000 Quadratmetern ersetzen. Zusätzliches Personal braucht das SkySail nicht – das Ausbringen und Einholen funktioniert auf Knopfdruck in 10 bis 20 Minuten.

Als Motorersatz ist das System zwar nicht gedacht, aber es ist ein zusätzlicher Antrieb, wann immer die Windverhältnisse es erlauben. Schon bei kleinen Windstärken liefert der Zugdrachen wertvolle zusätzliche Kraft. Im Jahresdurchschnitt senkt ein SkySails-System die Treibstoffkosten um 10 bis 35 Prozent, bei optimalen Windbedingungen um bis zu 50 Prozent. Wären die Segel weltweit im Einsatz, könnten sie laut SkySails jährlich 146 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen, das entspricht 15 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes der Bundesrepublik. Ein Frachter der Beluga Shipping Company hat auf seiner Jungfernfahrt im März 2008 mit einem 160 Quadratmeter großen Skysail täglich etwa 1,5 bis zwei Tonnen Treibstoff eingespart. Das Unternehmen schätzt, dass es mit einem doppelt so großen Zugdrachen (320 Quadratmeter) pro Tag rund 2000 Dollar weniger für Kraftstoff ausgeben wird. Das Schiff wird Tag für Tag 70 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Atmosphäre ablassen als ohne Segel. Die Kosten für das System machen mit 500 000 Euro rund 2,5 Prozent des Neupreises des Frachtschiffs aus. Beluga rechnet damit, dass es sich in drei bis fünf Jahren amortisiert und will auch zukünftige Schiffe mit dem Drachen ausrüsten.

Christine Rüth




 

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