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Ausgabe 04/2020
Green Deal

Klimaneutrales Europa, kranker Planet?

Europa soll bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent werden – das hat die EU Ende 2019 angekündigt. Ziel ist, die Kohlenstoffemissionen zu senken sowie Wälder, Landwirtschaft, umweltfreundlichen Verkehr, Recycling und erneuerbare Energien zu fördern. In der Zeitschrift „Nature“ befürchten nun Klimaforscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), dass dieser „Green Deal“ ein schlechter Handel für den Planeten sein könnte.


Durch Import von Agrargütern könnte die EU Umwelt­schäden ins Ausland verlagern
(Foto: Markus Breig, KIT)

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Der „Green Deal“ soll die europäische Landwirtschaft in den nächsten Jahren stark verändern. Bis 2030 soll ein Viertel der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet, 20 Prozent weniger Düngemittel, 50 Prozent weniger Pestizide sollen eingesetzt werden. Geplant ist, Bäume zu pflanzen, Flüsse wiederherzustellen und Bestäuber wie Bienen oder Wespen zu schützen – alles „wichtig und sinnvoll“, sagt KIT-Forscher Richard Fuchs. „Es müssen aber auch parallel Ziele für den Außenhandel festgelegt werden, sonst verlagern wir das Problem nur nach außen.“

Denn die EU führt Agrargüter in großen Mengen ein – 2019 ein Fünftel der in Europa verbrauchten Feldfrüchte und ein Zehntel der Fleisch- und Milchprodukte – aus Ländern, deren Umweltgesetze weniger streng sind. So sind gentechnisch veränderte Organismen zwar in der EU-Landwirtschaft stark eingeschränkt, genveränderte Sojabohnen und Maiskörner werden jedoch aus Brasilien, Argentinien, den USA und Kanada importiert. „Die Handelspartner Europas verwenden außerdem im Durchschnitt mehr als doppelt so viel Düngemittel wie wir. Auch der Pestizideinsatz hat bei den meisten zugenommen“, sagt Fuchs. Jede Nation definiere Nachhaltigkeit anders. Was in Europa verboten sei, könne in anderen Ländern erlaubt sein.

Die Studie empfiehlt, die Nachhaltigkeitsstandards zu harmonisieren – beispielsweise den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden stark zu reduzieren. Zwar könne die EU ihre Standards nicht überall durchsetzen. „Dennoch kann sie verlangen, dass Waren, die auf den europäischen Markt kommen, ihren Vorschriften entsprechen“, sagt Richard Fuchs.

Um die steigende Nachfrage der EU nach Ölsaaten für Tierfutter und Biodiesel zu decken, würden im Ausland Wälder abgeholzt. Daher sollte der Import von Bioenergie-Rohstoffen reduziert oder sogar verboten und die Bioenergie-Produktion zurückgefahren werden.

Es gelte, den Kohlendioxid-Fußabdruck Europas weltweit zu bewerten und dann zu verbessern. Denn die Bilanzierung nach dem Pariser Abkommen erfasse nur die Emissionen, die bei der Produktion im Lande anfielen, nicht aber diejenigen, die beim Verbrauch anderswo erzeugter Güter entstanden seien. „Nicht alle Maßnahmen sind einfach umzusetzen“, sagt Fuchs. Aber nur so könne der ‚Green Deal‘ nicht nur gut für ein klimaneutrales Europa, sondern für den ganzen Planeten werden.

kit/imi



Originalveröffentlichung:
Richard Fuchs, Calum Brown, Mark Rounsevell: Europe’s Green Deal offshores environmental damage to other nations. In: Nature, Band 586, 29.10.2020, Seite 671-673, DOI: 10.1038/d41586-020-02991-1