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Ausgabe 03/2015
Atomkraft

Der weite Weg zur grünen Wiese      

Mit dem Ende der DDR kam auch das Aus für das Atomkraftwerk in Lubmin. Ende 1990 ging der letzte Block vom Netz. Aus dem einstigen Betreiber, dem Kombinat Kernkraftwerke „Bruno Leuschner“, ging die Energiewerke Nord GmbH (EWN) hervor, die sich nun um Stilllegung, Rückbau und Entsorgung der fünf Kraftwerksblöcke kümmert.


Kernkraftwerk Gundremmingen
(Foto: RWE AG)

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Rückgebaut wird nicht nur in Lubmin: In Deutschland werden derzeit 17 Reaktoren stillgelegt. Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 nahm die Bundesregierung ihre Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke zurück und beschloss den schrittweisen Atomausstieg bis 2022. Acht Reaktoren gingen sofort vom Netz.

Mittlerweile ist das Abbau-Verfahren in Deutschland erprobt: Zunächst müssen die Brennelemente aus dem Reaktor entfernt werden und vier bis fünf Jahre in einem Wasserbecken zwischenlagern. Denn radioaktive Zerfallsprozesse laufen weiter ab, die entstehende Wärme muss abgeführt werden. „Wenn die Brennstäbe eine bestimmte Temperatur erreicht haben, können sie in Castoren gelagert werden“, sagt Marlies Philipp von der EWN. In der Zwischenzeit kann die Bearbeitung anderer Bereiche beginnen, etwa Leitungen in nicht mehr benötigten technischen Systemen. Die lassen sich mit Säure abspülen und so dekontaminieren.


Revisionsarbeiten im Kernkraftwerk Gundremmingen
(Foto: RWE AG)

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Dieser „Nachbetrieb“ fällt noch unter die weiterhin gültige Betriebsgenehmigung des Kraftwerks. Für die anschließende Stilllegung und den Rückbau braucht der Betreiber dagegen eine neue Genehmigung, die er bei der Atomaufsichtsbehörde des jeweiligen Bundeslandes beantragen muss.

Bis der bewilligt wird, können Monate bis Jahre vergehen, wie Prof. Sascha Gentes vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erklärt. Das liegt daran, dass der Betreiber für jeden einzelnen Schritt die Vorgehensweise erläutern und teilweise auch in großem Maßstab überprüfen muss: „Man muss zum Beispiel von einem Reaktordruckgefäß ein Teil im Maßstab 1 zu 1 bauen, um daran den Abbau mit fernhantierten Verfahren testen zu können", berichtet Gentes. „Und das ist nur die Genehmigung für einen Rückbauschritt.“


Abbau im Kernkraftwerk Lubmin
(Foto: EWN)

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Vor der Stilllegung stellt sich die Frage: Sofortiger Rückbau oder sicherer Einschluss mit späterem Abriss? Im letzteren Fall entfernen Arbeiter zunächst Brennelemente und radioaktive Stoffe wie Kühlmittel oder Gase, dann wird die Anlage – meist für mehrere Jahrzehnte – versiegelt. Dies hat den Vorteil, dass die radioaktive Belastung später geringer ist. Allerdings werden die Mitarbeiter, die alle Details des Kraftwerks kennen, dann womöglich nicht mehr arbeiten. Beim sofortigen Rückbau könnten sie dagegen noch helfen.

Den sicheren Einschluss wählte man etwa in Niederaichbach. Das bayerische Versuchskraftwerk bei Landshut wurde 1974 abgeschaltet, aber erst 1987 bis 1995 abgerissen. Es ist eines von drei Versuchskraftwerken in Deutschland, die inzwischen komplett rückgebaut sind.

Auch jetzt, nach dem Ausstiegsbeschluss wird der sichere Einschluss für mehrere Standorte unvermeidlich werden, glaubt Prof. Antonio Hurtado, Direktor des Instituts für Energietechnik an der Universität Dresden. „Für den einen oder anderen Reaktor wird uns wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, denn es wird eine Herausforderung sein, so viele Anlagen dieser großen Leistungsklasse gleichzeitig zurückzubauen.“


Ein Bauteil wird dekontaminiert
(Foto: EWN)

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In Lubmin entschied sich EWN noch für sofortigen Abbau. 24 Jahre nach Abschaltung ist der Rückbau der fünf Druckwasserreaktoren fast abgeschlossen. Bislang wurden 1,8 Millionen Tonnen Abfall entsorgt. Nur ein geringer Teil ist wärmeentwickelnd, also hoch radioaktiv: Er wird – gemeinsam mit den Brennelementen – in Castoren gelagert. Sie sind für jenes Endlager bestimmt, nach dem derzeit noch gesucht wird.

Reste mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung gelten als schwach- oder mittelradioaktiv – etwa drei Prozent der Abfälle, die bei der Stilllegung eines Kernkraftwerkes anfallen. Sie sollen einmal im Schacht Konrad in Salzgitter untergebracht werden, der voraussichtlich Anfang des kommenden Jahrzehnts in Betrieb geht. Die verbleibenden rund 97 Prozent der Überreste eines Kernkraftwerkes lassen sich so weit dekontaminieren, dass sie als normale Abfälle gelten.

EWN bildet junge Menschen in Stilllegung und Entsorgung nuklearer Anlagen aus – ein Job mit Zukunft, wirbt das Unternehmen in einer Stellenanzeige.

Maren Hennemuth