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Ausgabe 01/2021
Internet

Kamera aus!

Seit die Corona-Pandemie das öffentliche Leben lähmt, gehen die Kohlendioxid-Emissionen weltweit stark zurück. Aber auch die nach Hause und ins Internet verlagerte Arbeit und Unterhaltung hat Auswirkungen auf die Umwelt. Das sagen Forscher von Purdue und Yale Universität sowie des Massachusetts-Institut für Technologie in einer neuen Studie.


Kameras bei Videokonferenzen ausschalten?
(Foto: Panthermedia, Andriy Popov)

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Die Nutzung des Internet vor der Pandemie war für 3,7 Prozent der globalen Treib­haus­gas-Emissionen verantwortlich: Eine Stunde Videokonferenz oder Streaming setzt – je nach IT-Technologie und in Anspruch genommenem Stromerzeugungs­mix – 150 bis 1000 Gramm Kohlendioxid frei. Zudem werden bis zu zwölf Liter Wasser verbraucht und im Mittel eine etwa tellergroße Fläche beansprucht. Zum Vergleich: Ein Liter Benzin, im Automotor verbrannt, erzeugt etwa 2300 Gramm Kohlendioxid.

In der Corona-Pandemie nahm der Internetverkehr weltweit stark zu. Setzt sich der Trend bis Ende 2021 fort, wäre laut Studie ein Wald der zweifachen Fläche Portugals nötig, um das zusätzlich freigesetzte Kohlendioxid zu binden. Das für die Datenverarbeitung und -über­tragung verbrauchte Wasser könnte mehr als 300.000 olympische Schwimmbecken füllen; die in Anspruch genommene Landfläche entspräche in etwa der von Los Angeles.

Bleiben jedoch während Videokonferenzen die Kameras ausgeschaltet, ließe sich der ökologische Schaden um 96 Prozent reduzieren, schätzen die Forscher. Das Streamen in Standardauflösung statt in High Definition bei Apps wie Netflix oder Hulu könnte 86 Prozent einsparen.


Umweltfolgen einer Stunde Daten­ver­brauch in Internet-Apps
(Grafik: Purdue University, Kayla Wiles)
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Dabei unterscheiden sich die Umweltbe­lastungen von Land zu Land. Der mit dem Internet verbundene Kohlendioxid-Ausstoß ist zum Beispiel in den USA um neun Prozent höher als im globalen Durchschnitt, der Wasser- und Land-Verbrauch aber 45 bzw. 58 Prozent niedriger. Obwohl in Deutschland – wegen des vergleichsweise hohen Anteils erneuerbaren Stroms – die Emissionen 28 Prozent unter dem weltweiten Durchschnitt liegen, sind Wasser- und Landverbrauch deutlich höher – um 34 bzw. 200 Prozent.

Die Schätzungen beruhen auf öffentlich zugänglichen Daten. Sie sind daher nur grob, sagen die Forscher – nur so gut wie die verfügbaren Daten. Trotzdem ließen sie einen Trend erkennen. Der lässt die Autoren befürchten, dass die Corona-Pandemie den Weg in eine ökologisch unkontrollierte digitale Welt beschleunigen könnte: „Der neu entwickelte digitale Lebensstil hat große Vorteile für die Umwelt, einschließlich Reduzierung der reisebedingten Kohlendioxid-Emissionen“, schreiben sie. „Die stärkere Internetnutzung hat jedoch versteckte Umwelt­auswirkungen, die aufgedeckt werden müssen, um den Übergang in eine kohlenstoffarme und grüne Wirtschaft erfolgreich zu gestalten“.

bal



Originalveröffentlichung:
Renee Obringer et al.: The overlooked environmental footprint of increasing Internet use. In: Resources, Conservation & Recycling 167 (2021) 105389, DOI: 10.1016/j.resconrec.2020.105389