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Ausgabe 01/2013
Fossile Energie

Die Schiefergas-Wende

Eine Energie-Revolution vollzieht sich zurzeit in den USA: Neue Techniken machen es seit einiger Zeit möglich, bislang unerreichbares „unkonventionelles“ Erdöl und Erdgas zu fördern, das in den Poren seines Wirtsgesteins, zum Beispiel Schiefer, eingeschlossen ist. Dazu arbeitet sich in der Lagerstätte ein Bohrer horizontal voran – unter Umständen einige Kilometer weit. Eine in die Tiefe gepresste Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien bricht dann Risse in das Gestein. Aus diesen Spalten, die von Sandkörnchen offen gehalten werden, können Öl oder Gas entweichen.


Konventionelle und unkonventionelle Erdgaslagerstätten (Grafik: BGR)

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Mit dieser „Fracking“-Technik ist die US-Gasproduktion binnen weniger Jahre um ein Viertel gestiegen. 2012 wurde Russland überholt, der bisherige Gasproduzent Nummer eins. Zugleich sanken in den USA die Gaspreise: von 2008 bis Mitte 2012 um 85 Prozent. In Europa war Erdgas zum Teil dreieinhalb Mal so teuer.

In den USA konnte das billige Gas immer mehr Kohle bei der Stromerzeugung ersetzen. Da es beim Verbrennen nur halb so viel Kohlendioxid erzeugt, konnten die USA im vergangenen Jahr den Ausstoß des Klimagases auf den niedrigsten Stand seit 1992 senken.

Auch die US-Ölproduktion boomt: Anfang 2013 erreichte sie den höchsten Stand seit zwanzig Jahren. Daher sinken die Importe – ein Beispiel dafür, „wie rasant eine Marktänderung erfolgen kann, wenn durch Technologiefortschritte neue Vorkommen wirtschaftlich gewinnbar werden“, sagt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Laut Prognose der Internationalen Energieagentur werden die USA ab 2020 voraussichtlich der größte Ölproduzent weltweit sein. Im Kontrast zu den meisten anderen Energie einführenden Ländern könnten die USA netto fast zum Selbstversorger werden – dramatische Änderungen, die nicht nur die Energiewirtschaft beeinflussen.


Erdöl-Reserven und -Ressourcen weltweit (Grafik: BGR)
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Die globalen Folgen des neuen Energiereichtums untersuchte Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik: Während die US-Wirtschaft die Wettbewerbsvorteile der niedrigen Energiekosten genießt, verändern sich die gewohnten Handelsströme. Der Großlieferant Russland und die Produzenten der OPEC müssen sich an die neue Situation anpassen: „Dabei bestehen enorme Ungewissheiten, wie sich die neue Weltkarte für Energie zusammenfügen wird“.

Nicht nur ökonomisch, auch außen- und sicherheitspolitisch wächst der amerikanische Handlungsspielraum, wenn die Abhängigkeit von OPEC und arabischem Raum abnimmt. „Letztlich ist aber schwer vorstellbar“, meint Kirsten Westphal, „dass die USA mit der Carter-Doktrin brechen und sich vom Persischen Golf zurückziehen werden – um dann abzuwarten, ob und wie China, Indien oder Russland das Vakuum füllen“.


Gesamtpotenzial an Erdgas (Grafik: BGR)

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Anders als in den USA steht weltweit die Schieferöl-Erschließung erst am Anfang. Die größten Potenziale werden laut BGR in China und Venezuela vermutet. Nach den USA und vor Kanada folgen Russland, Australien und Argentinien. Erste Abschätzungen gibt es auch für Kolumbien, Neuseeland, Uruguay und Japan, in Europa insbesondere für Polen, Frankreich und Deutschland. Auch Schiefergas wird kommerziell heute ausschließlich in Nordamerika gefördert. Die globalen Aussichten sind jedoch nicht schlecht, meint die BGR (siehe Energie-Perspektiven 2/2010). Das Angebot könnte sich weltweit signifikant vergrößern und die Erdgasmärkte global verändern. Schon jetzt führt das Fracking zu einer Neukartierung der Energiewelt, stellt Kirsten Westphal fest. Die zusätzlichen Mengen nehmen Druck von den Märkten und sorgen für ein diversifiziertes Angebot aus stabilen OECD-Ländern: „Damit findet eine Risikoverschiebung statt – weg von geopolitischen Ungewissheiten hin zu ökologischen Gefahren“

Untersuchungen zu den Risiken des Fracking laufen zwar erst an, doch die Folgen für Umwelt und Klima könnten gravierender sein als bei konventioneller Förderung. Die US Environmental Protection Agency arbeitet an einer detaillierten Studie, die 2014 abgeschlossen sein soll. Es sei „unabdingbar, rasch Erkenntnisse über den ökologischen Fußabdruck, die klimaschädlichen Emissionen und die technologischen Risiken zu gewinnen“, sagt Kirsten Westphal. Für die Bewertung der neuen Technologie greife eine Momentaufnahme der unterschiedlichen Energiekosten zu kurz
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imi