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Ausgabe 01/2002
Grubengas

Neue Energie für das Ruhrgebiet

Energie erzeugen und gleichzeitig Treibhausgase reduzieren – das ist das Ziel der im vergangenen Oktober gegründeten "Grubengas-Initiative" des Landes Nordrhein-Westfalen. Grubengas wird bei der Förderung von Steinkohle frei und entweicht noch jahrzehntelang aus stillgelegten Bergwerken. Mit seinem hohen Gehalt an klimaschädlichem Methan trägt es zur weiteren Erwärmung der Erdatmosphäre bei. Neue Konzepte und Technologien haben die Rahmenbedingungen dafür geschaffen, die Ausgasungen zu fassen, energetisch zu verwerten und so dem Treibhauseffekt vorzubeugen. s sie 1998 dessen Ausbeutung.


Mit Grubengas betriebenes Blockheizkraftwerk auf der stillgelegten Zeche Kurl-3 in Lünen (Foto: RAG)
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Untertage stellt das explosible Methan (CH4) vor allem eine Gefährdung der Bergleute dar. Ständiges "Wettern" der Schächte sowie gezielte Gasabsaugungen über Rohrleitungen sorgen für die Einhaltung der zulässigen Grenzwerte im Bergwerk. Dass beim Belüften Methan in geringen Konzentrationen ungenutzt in die Atmosphäre gelangt, ist nicht zu vermeiden. Das abgesaugte Gas wird dagegen in einigen aktiven Bergwerken wie Ibbenbüren, Lohberg oder Bergwerk Ost verwertet: es wird in Gasmotoren verbrannt, die ihrerseits stromerzeugende Generatoren antreiben. Teilweise wird die dabei entstehende Wärme auch zum Heizen genutzt.

Zahlreiche Steinkohle-Bergwerke wurden im Ruhrgebiet seit den 60er Jahren stillgelegt. Auch sie bilden – und zwar noch lange Zeit - Quellen von methanhaltigem Grubengas. "Das ist wie bei einer Sektflasche, bei der man den Korken gelöst hat", erläutert der Ingenieur Clemens Backhaus vom Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Oberhausen. Das einmal aufgelockerte Gestein emittiert weiterhin Methan, das - wenn es nicht gefasst wird - , an die Erdoberfläche dringen kann. In Deutschland gelangen so Jahr für Jahr rund 180 Millionen Kubikmeter Methan aus stillgelegten Zechen in die Atmosphäre. Methan ist etwa 23 mal so treibhauswirksam wie Kohlendioxid, seine Verwertung ist daher "ein Gebot der Stunde".



"Protego-Haube" zum Schutz des Schachtes (Foto: RAG)
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Wie sich dieses Vorhaben technisch verwirklichen lässt, zeigen mehrere Pilotprojekte. Vor etwa vier Jahren entauf dem Gelände der 1978 stillgelegten Schachtanlage Mont-Cenis in Herne ein innovativer Energiepark. Hier erzeugen drei Blockheizkraftwerke elektrischen Strom (insgesamt etwa 1,5 Megawatt) und Wärme (insgesamt knapp 2 MW). Dabei verbrauchen sie jährlich rund drei Millionen Kubikmeter Methan; das entspricht einer Reduktion von 52 000 Tonnen Kohlendioxid. Zum Vergleich: Rund 10 Tonnen wurden im Jahr 2001 in Deutschland pro Kopf emittiert.

In Lünen betreibt die "Minegas GmbH" ein Blockheizkraftwerk über der seit 16 Jahren geschlossenen Schachtanlage Gneisenau. Drei Module erzeugen Strom mit jeweils 1350 Kilowatt Leistung. Ebenfalls in Lünen, auf dem ehemaligen Zechengelände "Minister Achenbach 2", wurde im Juni 2001 ein Blockheizkraftwerk eingeweiht, das rund 4 Megawatt elektrische und 4 Megawatt thermische Leistung produziert.

Da die Energieerzeugung aus Grubengas mit der Vernichtung des Treibhausgases Methan gekoppelt ist, wurde sie im Gesetz über "Erneuerbare Energien" den regenerativen Energieformen aus Deponie-, Klär- und Biogas gleichgestellt. Das bedeutet, dass mit einem Bestandsschutz von 20 Jahren die Abnahme des so erzeugten Stromes zu einem festgelegten Preis garantiert ist. Dieses Gesetz, das im Jahr 2000 in Kraft trat, gab das Startsignal, die Grubengas-Nutzung zu intensivieren. So plant die RAG Aktiengesellschaft, mehrheitlicher Besitzer der Minegas GmbH und der Mingas-Power Gmbh (sie betreibt die Grubengas-Anlagen in aktiven Zechen), in NRW jährlich an insgesamt 25 bis 30 Standorten 450 Gigawattstunden Strom auf dieser Basis erzeugen. "Damit können wir etwa 140 000 Haushalte versorgen", erläutert Wolfgang Röhner, Geschäftsführer der beiden RAG-Gesellschaften.

Wie groß das Grubengas-Reservoir ist, lässt sich für die stillgelegten Bergwerke nicht mit Sicherheit angeben, zumal der Gasgehalt der Steinkohle nicht in allen Flözen gleich ist. In Deutschland werden pro Tonne Steinkohle schätzungsweise bis zu 25 Kubikmeter Methan ausgegast, weltweit können es bis zu 200 Kubikmeter sein. Das Fraunhofer Institut in Oberhausen sammelt Daten, um mehr über die Resourcen und die genaue Zusammensetzung des Grubengases in Erfahrung zu bringen.

Im Rahmen der Landesinitiative "Zukunftsenergien NRW" hat die Nutzung von Grubengas einen hohen Stellenwert erhalten. Vier Ministerien (Umwelt, Wissenschaft, Verkehr und Wirtschaft) unterstützen Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft dabei, ihre schon laufenden Projekte zu koordinieren sowie weitere gemeinsam zu planen und zu realisieren.
Olivia Meyer