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Ausgabe 04/2015
Fossile Energie

Kanadas Ölsand-Industrie startet CCS-Projekt      

Anfang November startete das weltweit erste Projekt zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (Carbon Capture and Storage, kurz CCS), das bei der Verarbeitung von Ölsanden anfällt. Betrieben wird das Projekt Quest vom Energiekonzern Shell an seinem Standort in Scotford nordöstlich der Stadt Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta. Dort verarbeitet Shell das im Athabasca-Ölsandgebiet gewonnene Bitumen.


Ölsand-Abbau
(Foto: Shell)

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Aus dem Bitumen erzeugt der sogenannte Upgrader pro Tag etwa 255.000 Barrel raffinierbares Rohöl. Zur Erläuterung: Ein Barrel fasst knapp 160 Liter. Der Upgrader produziert unter anderem Wasserstoff, um damit das Rohöl aus dem Bitumen herauszulösen. Wasserstoff wird meist aus Kohlenwasserstoffen oder Erdgas hergestellt, wobei eine Menge Kohlendioxid anfällt. Quest scheidet das Klimagas nun mit Hilfe von Aminen – organischen Derivaten von Ammoniak – ab, verflüssigt es und transportiert es in einer Pipeline 65 Kilometer weit nach Norden. Dort wird es in zwei Kilometer tief gelegenen porösen Gesteinsschichten, genauer gesagt in salinen Aquiferen, für immer eingelagert. Über die nächsten 25 Jahre wird Quest rund eine Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr – das entspricht einem Drittel der gesamten Emissionen des Scotford-Upgraders – abscheiden und untertage befördern.


Injektionsbohrung zum Einpressen von Kohlendioxid untertage
(Foto: Shell)

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Der Projektstart von Quest war der Internationalen Energie-Agentur (IEA) eine eigene Meldung wert, in der sie das Vorhaben ausdrücklich begrüßte. Die Agentur sieht in CCS eine Schlüsseltechnologie, um die Treibhausgasemissionen durch fossile Energieerzeugung signifikant zu senken (siehe EP 4/2014). Ohne den Einsatz von CCS dürften laut IEA gut zwei Drittel der gegenwärtig zur Verfügung stehenden Reserven an fossilen Energieträgern nicht angetastet werden, um die globale Erwärmung unter den angepeilten zwei Grad zu halten.

Treibhausgas-Emissionen durch die Ölsand-Industrie
Kanada verfügt über das größte Ölsandvorkommen der Welt
(siehe EP 1/2012). Alleine die wirtschaftlich förderbare Menge beträgt aktuell rund 1,67 Milliarden Barrel. Im Schnitt werden heute rund 1,9 Millionen Barrel Öl pro Tag produziert. 2011 beliefen sich die dabei entstehenden Treibhausgas-Emissionen – hauptsächlich Kohlendioxid – auf 55 Millionen Tonnen. Der größte Teil davon, rund 44 Prozent, wird beim Abbau von Ölsanden freigesetzt, auf das Upgrading entfallen etwa 29 Prozent. Zwar verursacht das Ölsand-Geschäft derzeit nur rund acht Prozent des kanadischen Treibhausgasausstoßes, aber wenn die Fördermengen wie erwartet wachsen, wird dieser Anteil stark ansteigen und Einsparungen an anderer Stelle zunichte machen.

Zusammen mit seinen Provinzen investiert Kanada deshalb 1,8 Milliarden kanadische Dollar in CCS. Alleine in das Projekt Quest fließen 850 Millionen Dollar von staatlicher Seite, die Gesamtkosten betragen Presseberichten zufolge über eine Milliarde Dollar.


Die Scotford-Raffinerie in der kanadischen Provinz Alberta
(Foto: Shell)

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Umweltverbände allerdings bezweifeln das Potential von CCS für die Reduktion von Klimagasen, die aus der Ölsandverarbeitung stammen. So betont Environmental Defense Canada in einem 2014 veröffentlichten Bericht, dass Quest das derzeit einzige CCS-Projekt zur dauerhaften Einlagerung von Kohlendioxid sei. Die Autoren rechnen vor, dass etwa 40 Anlagen vom Typ Quest nötig wären, um den erwarteten Emissionsanstieg auszugleichen. Ihrer Ansicht nach ist der beste Weg, Kanadas steigende Klimagasemissionen in Schach zu halten, ein langsamerer Ausbau der Ölsandförderung.

Ausbeutung versiegender Ölquellen
Kanada hat noch aus einem anderen Grund Interesse an der CCS-Technologie: Kohlendioxid lässt sich in versiegende Ölquellen einpressen, um die Fördermengen zu erhöhen (siehe EP 3/2002). Diesem sogenannten Enhanced Oil Recovery sind zwei weitere CCS-Projekte gewidmet, die Alberta Carbon Trunk Line und die im letzten Jahr gestartete CCS-Anlage am Kohlekraftwerk Sask Power Boundary Dam. 

Christine Rüth